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BaldMan's Mojo

Gibson ES 355 TD - ein "Fretless Wonder" wird normal

Peter ist Gitarrist und Sänger bei Mojo Tonic und kam wg. seiner Gibson ES auf mich zu.

Diese ES 355 TD (lt. Seriennummer aus der Norlin-Ära gefertigt am 11.4.1978 in Kalamazoo) hatte die als "Fretless Wonder" bekannten Bünde. Extrem breit und extrem flach. Und die gab es auch noch in 2 gleich widerlichen (für den Reparierer) Versionen.

Einmal wie hier. Die Bünde enden am Binding. Und dann auch noch in der Version, daß das Binding am Bund die Form des Bundstäbchens hatte.

In dieser Form lässt sich eine Gitarre am besten neu bundieren, wenn man das Binding entfernt und danach wieder neu anbringt/anfertigt. Das war aber keine Option.

Warum? Ein Bundstäbchen hat vor dem Einpresse/Einhämmern eine stärkere Krümmung (kleinerer Radius) als das Grifbrett. Beim Einpressen wird es dadurch einen Hauch länger, d.h. es tritt aus dem Griffbrett aus und drückt gegen das Binding.

In der Fertigung wird der Bund eingepresst, die Enden werden bearbeitet und dann das Binding angebracht. Diese Methode hat noch einen Nachteil. Holz schrumpft - Bünde nicht (deshalb entfernt man den Bundsteg immer etwas mehr, als es die Länge des Bundschlitzes erforderlich macht). Durch den Druck entstehen Risse im Binding wie bei dieser Gitarre. Im Extremfall platzt das Binding weg.

Ein weiteres Problem ist, daß das Binding nicht zusammen mit dem Griffbrett geschliffen wird. Die Oberseite entspricht also nicht dem Griffbrettradius (meist steiler oder rund) und bei einer "normalen" Neubundierung hängt das Bundende in der Luft.

Bestandsaufnahme

Die Bünde waren zu flach und sollten ersetzt werden. Der Sattel musste ersetzt werden. Er war eh nicht mehr der Jüngste und für "normale" Bünde natürlich zu flach. Und die nicht mehr verwendenten Einschlagmuttern des Tailpiece sollten abgedeckt werden.

 

Abdeckung der Tailpiece Muttern

Die Gitarre war auf ein Vibrato umgebaut und damit war das Tailpiece hinfällig. Die verwaisten Einschlagmuttern sahen aus wie zwei ausgeschlagene Zähne. Peter hatte dafür ein Schild anfertigen lassen. Es war nur unklar, wie es zu befestigen war. Peter meinte "vielleicht Nägel", aber ich kloppe bestimmt nicht Nägel in eine 78er 'Gibson (auch wenn sie aus der Norlin Ära ist).
 
Die Lösung war dann ganz einfach. Ein 8mm Rundholz in den Akkuschrauber und dann ab an den Tellerschleifer, leicht konisch geschliffen, in die Muttern eingeschraubt und mit der Dübelsäge plan abgeschnitten. Dann in das Schild 2 Bohrungen und mit 2mm Messingschrauben festgeschraubt. Nicht beschädigt und reversibel. Die Rundhölzer kann man leicht wieder entfernen.
 

Sattel

Lange keinen Sattel mehr gehabt, der so schwer raus ging. Schließlich gab er aber doch (in Stücken) auf. Eigentlich wird ein Sattel mit etwas Sekundenkleber fixiert. Der ist hart und löst sich bei einem trockenen kurzen Hammerschlag auf einen Holzklotz. Der hier war mit irgendwas nicht aushärtendem gründlich eingeklebt.
 
Die Entfernung des Klebers war einfach nur nervig. Sekundenkleber lässt sich mit einem scharfen Stechbeitel leicht entfernen. Das Zeug hier rollte sich einfach weg. Völlig ungeeignet und noch nie gesehen.
 
Die Anfertigung des Sattels lief wie schon etliche Male beschrieben. Einziges Problem war das Binding. Das war nämlich geschrumpft. Dadurch konnte der Sattel nur an der Unterseite an den Hals angepasst werden.
 

Die Bünde

Erstmal raus mit dem alten Mist. Bünde ziehe ich mit 3 Zangen, die unterschiedlich Winkel haben. Flach (geht gut unter den Bund und hebt wenig an), mittel (hebt mehr) und steil (macht den Rest). Die Bünde werden mit dem Lötkolben erwärmt und dann in mehreren Schritten vorsichtig und langsam gezogen. Durch diese Methode vermeide ich weitgehend Ausbrüche (Chips) im Griffbrett. Das dauert zwar länger als "klassisch", aber die Zeit hole ich wieder rein, weil ich weniger am Griffbrett reparieren muss. Ein paar Chips wurden noch währen des Ziehens wieder eingeklebt. Die restlichen Stellen kamen später.
 
Nachdem alle Bünde raus waren wurden mit einer Rasierklinge (mit Schutzkante vom Glasschaber) Dreck und Ablagerungen entfernt und das Griffbrett mit Waschbenzin gereinigt/entfettet. Das ist wichtig um Handschweiss und alte Griffbrettpflege zu entfernen, da sonst das Schleifpapier beim anschliessenden Schleifen sofort zu ist.
 
Und dann ging es ans Schleifen. 150er, 240er, 320er und 400er. Der Staub wurde aufgefangen um damit die Schadstellen (Chips) zu reparieren. Dann die Bundschlitze gereinigt und ie Schadstellen repariert. Anschliessend nochmal ein Feinschliff mit Micromesh. Danach glänzte das Holz von allein und der Hals war fertig zur Bundierung.
 
Und dann an die Bundierung. Mit Abstand die komplizierteste, die ich je gemacht habe. Ich ging davon aus, daß ich einfach "normal" über das Binding bundieren könnte. Weit gefehlt. Das Binding ist oben abgerundet. D.h. es muss wie original zwischen das Binding bundiert werden, da es gibt keine Fläche auf dem Binding gibt auf der der Überstand aufliegen könnte und man das Bundende bearbeiten könnte.
 
Nomalerweise schneidet man alle auf etwas Überlänge, entfernt etwas vom Steg, feilt den Grat weg und kann den Bund einhämmern/einpressen. Der Überstand und das Anfeilen der Schräge erfolgt dann in einem Arbeitsgang. Gleiches gilt für das Polieren der Bundenden.
 
Hier muss man das für jeden Bund einzeln und auch für jede Seite einzeln machen.
 
Also alle Bünde mit etwas Überlänge vorschneiden, in einem speziellen Halter bei jedem Bund das eine Ende in einem leichten Winkel feilen, jeden Bund einzeln entgraten, verrunden und das Ende polieren.
 
Und dann jeden Bund einzeln genau auf Länge bringen, das Spiel mit dem Ende wiederholen und den Bund einhämmern. Und bei ein paar Bünden alles wiederholen, da der Bund doch nicht passte oder sich verbogen hatte. Und ein paar Bundenden mussten in eingebautem Zustand nachgearbeitet werden, da sich der Bund beim Einhämmern verschob.
 
Kurz gesagt - das war mühsam.
 
Nachdem endlich alle drin waren wurde auf Hochstände geprüft. Ein paar Bünde brauchten noch den einen oder anderen Hammerschlag. Und andere hatten einen echten Hochstand, der weggefeilt wurde. Danach wurden alle Bünde neu verrundet. Dies dient zum einen dazu, dass alle Bünde dasgleiche Profil haben, zum anderen ist auch ein neuer Bunddraht nicht ganz fehlerfrei. Herstellungsbedingte Kratzer und leichte Unregelmäßigkeiten. Zur Vorbereitung des Polierens wurden sie erst mit 800er und dann 1000er Schleifpapier geschliffen.
 
Vor dem Polieren wurde das Griffbrett neu mit Livos Arven Politur (ich liebe das Zeug - und meine Kunden auch) geölt. Rückstände vom Polierwachse lassen sich dann einfacher entfernen. Poliert und endlich fertig.
 
 

Fertigstellung

Erstmal die Muttern der Tuner nachgezogen. Die sind fast immer locker. Ich versteh nicht, warum das nie beim Saitenwechsel kontrolliert wird. Sitzen die nicht fest, müssen die kleinen Schrauben die gesamte aus dem Saitenzug resultierende Drehkraft übernehmen, was ihnen nicht immer gut bekommt. Bei Bässen hatte ich es schom mehrmals, daß dadurch die Kopfplatte gesprengt wurde.
 
Danach Saiten drauf, stimmen, Saiten dehne, nachstellen, den Rest einstellen und fertig. So war zumindest der Plan. War aber nicht. der 16. Bund hatte nicht richtig gehalten und war am Ende unter der e-Saite hochgekommen. Er federte und die Saite schepperte. Normalerweise passiert so direkt nach dem Einpressen und nicht erst später.
 
Also Saiten lockern und weghängen, Griffbrett wachsen (damit kein Sekundekleber am Holz klebt - dazu nimmt man ein pastöses Holzwachs, engl. Paste Wax, bei uns früher als farbloses Bohnerwachs für Parkett bekannt. Dann dünnflüssigen Sekundenkleber in die Kante vom Bund laufen lassen, runterpressen und warten.
 
Und dann den überflüssigen Sekundenkleber mit dem Stechbeitel entfernen, das Wachs entfernen, Griffbrett nachschleifen (Klasse wenn man wenig Platz hat) und neu ölen. Saiten wieder drauf, stimmen - und es schepperte am Nachbarbund. Der war am Ende nämlich jetzt etwas zu hoch, saß aber fest. Wieder die Saiten beseite gehängt, nachgefeilt und poliert. Jetzt passte alles. Nur noch fertig eingestellt (Brücke und Pickups mussten höher) und das war's.
 

Fazit

Ich mache das jetzt seit 06/2013 gewerblich. In all den Jahren hatte ich noch nie eine Gitarre, die sich dermaßen besch... neu bundieren ließ. Das lag zum Einen an der Art der Bünde, zum Anderen am Ebenholzgriffbrett. Das Zeug gibt einfach 0 nach und splittert leicht.
 
Der Zeitaufwand war locker doppelt so hoch, wie bei einem "normalen" Binding mit Palisandergriffbrett.
 
Letztendlich hat aber alles funktioniert und ich war wieder um eine Erfahrung reicher.
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